In der Adventszeit besuche ich alljährlich das nahe gelegene Zürich, um einige Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Ich achte darauf, den frühen Abend in meinen Einkaufsbummel einzubeziehen, weil ich die festliche Beleuchtung geniessen möchte, in der die Innenstadt bei hereinbrechender Dunkelheit erstrahlt. Dieses Lichtermeer über mir und um mich herum, diese verschwenderische Eleganz der Dekorationen! Ich staune immer wieder und freue mich sehr.
Doch jedes Mal überfällt mich dabei die Erinnerung an einen weit zurückliegenden Abend in meiner Kindheit, den ich so ganz anders erlebte. Es war die Zeit des zweiten Weltkrieges, Dezember 1942. „Diesmal werden wir den Weihnachtsabend bei einer Freundin feiern, mit ihren Kindern und ihren alten Eltern“ sagte meine Mutter. „Ihr Mann ist in Stalingrad vermisst. Sie weiss nicht, ob er noch lebt und ist deshalb sehr traurig. Wir dürfen sie jetzt nicht alleine lassen.“ Unser Weg führte uns ans andere Ende unseres kleinen Städtchens. Es war stockfinster. Kein Lichtstrahl drang hinter den geschlossenen Fensterläden hervor. Nirgends gab es eine Lampe oder Strassenlaterne, die gebrannt hätte.
„Aber heute ist doch Weihnachten, warum sieht man denn nirgends ein Licht hinter den Fenstern?“ So fragte ich meinen Vater, an dessen Hand ich ging. „Alles muss völlig verdunkelt sein“ erklärte er mir. „Das geschieht wegen der Luftangriffe. Man will es den feindlichen Fliegern erschweren, die Ziele zu finden, an denen sie die Bomben abwerfen.“
Schnell verdränge ich jeweils diese dunklen Erinnerungen aus weniger guten Tagen und kehre glücklich in die Gegenwart zurück, in der mich soviel strahlendes Licht umgibt.