Alles begann damit, dass ich unseren eigenen Weihnachtsbaum jeweils auch bildlich festgehalten habe. Seine Zeit war immer viel zu kurz bemessen. So sollte er mich wenigstens auf diese Art länger erfreuen.
Die Festtage bieten eine willkommene Gelegenheit, sich zu besuchen. Da sieht man die Lichterbäume der Verwandten und Bekannten und vergleicht sie mit dem eigenen. Man bemerkt, dass sie ganz anders sind, und doch alle auf ihre Weise schön. Dabei wird noch etwas ganz deutlich: Jeder Baum hat seine eigene Persönlichkeit, und er passt bis ins Detail in seine Umgebung. Bei genauer Betrachtung gibt es nicht zwei, die sich auch nur entfernt gleichen.
Diese Unterschiede begannen mich zu faszinieren. Ich suchte in der Vielfalt der Erscheinungen nach Gemeinsamkeiten. Gab es womöglich so etwas wie den „normalen Christbaum“, und wie sah der aus? So kamen alljährlich neue Stücke hinzu. Man hatte von meinem speziellen Interesse gehört und bot mir den eigenen Baum oder den von Freunden für mein Hobby an. Dabei hielt ich nicht Ausschau nach besonders schönen Exemplaren. Ich wollte den „normalen“ Weihnachtsbaum finden und bildlich festhalten.
Interessant aber auch wieder verständlich fand ich es, dass eigentlich jeder seinen eigenen Christbaum für den allerschönsten hielt. Mich beeindruckte die unendliche Vielfalt, mit der man seinen Baum gestalten kann. Sie reicht von der fast winzigen Tanne, die nur ein paar Kerzen trägt, bis zum zimmerhohen Prunkstück des Sammlers von antikem Christbaumschmuck, das mit 1600 Einzelobjekten behängt und von etwa ebenso vielen winzigen (elektrischen) Kerzen erleuchtet wird.
Ursprünglich wollte ich nur die „echten“ Weihnachtsbäume festhalten, d.h. solche, die natürlich sind und richtige Kerzen aus Stearin oder Wachs tragen. Ich sah auch den Trend der künstlichen, der Kunststoffbäume kommen. Von Jahr zu Jahr fanden mehr Leute Gefallen an deren makelloser und pflegeleichter Gestalt. Auch die Kerzen wurden mehr und mehr durch elektrische ersetzt; man hielt das alles für viel praktischer. Für mich war es damals noch ein kleiner Schock, als mich eine benachbarte Freundin per Telefon einlud mit „Komm‘ doch rüber, wir trinken eine Tasse Kaffee miteinander und knipsen den Weihnachtsbaum an.“ Den Weihnachtsbaum anknipsen? War das nicht jeweils – auch nach dem 24. Dezember – ein ganz besonderer, feierlicher Augenblick, wenn die Kerzen eine nach der anderen angezündet wurden und dann ihr warmes Licht den Raum erfüllte?
Im Laufe der Zeit kam eine immer längeren Reihe höchst unterschiedlicher Weihnachtsbäume zusammen. Aber so etwas wie ein herkömmliches, allgemein übliches oder auch verbreitetes Muster war nicht darunter. Ich hatte all diese Fotos für mich gemacht. Die Familie stand der Sache eher distanziert gegenüber. „Wozu das alles?“ und „Mami hat einen Spleen“ so konnte man es hören. Inzwischen ist ihr Urteil milder geworden. Der Spleen wird nun eher liebevoll erwähnt. Man toleriert ihn, er gehört zu Mami einfach dazu.
Natürlich zeigte ich meine ‚Trophäen‘ immer auch unseren Freunden. Sie waren doch mit ihren Bäumen ganz besonders zahlreich vertreten. Und so kam einer von ihnen mit der Idee, die Fotos doch öffentlich auszustellen. Ich hatte Zweifel. Waren 43 Poster im Format 50 x 70 cm genügend Stoff dafür? Und wenn ja, wie stand es dann um die fotografische Qualität der kleinen Sammlung, mit Bildschärfe, Ausleuchtung und all den Dingen, die Hobby-Fotos von denen der Profis unterscheiden? Doch trotz all meiner Bedenken fand die Ausstellung ein durchaus positives Echo.
Es ist im Übrigen gar nicht einfach, einen Weihnachtsbaum im Foto festzuhalten. Er kann nicht nach Wunsch ausgeleuchtet werden oder platziert, noch hat der Fotograf alle Möglichkeiten, mit Blende und Distanz zu jonglieren. Da gibt es spiegelnde Fenster, die Sicht versperrende Lampen und Möbel, da schweben gemütliche Wolken von Zigarrenrauch durchs Zimmer, die Kinder rennen durchs Bild, die Eltern haben fast keine Zeit und stellen doch tausend Fragen… . Trotz all dieser vielen Widrigkeiten kam – vielleicht eher zufällig – in den Jahren 1979 bis 2004 eine kleine Dokumentation über Weihnachtsbäume zustande. Sie umfasst derzeit etwa 250 Exemplare, vorwiegend aus Schweizer und Deutschen Familien und wurde inzwischen viermal ausgestellt.
Als ich mich entschloss, meine Fotos auch auf dem Internet zu zeigen, da kam die Frage, ob es eine reine Bildersammlung werden sollte oder ob auch Texte dazugehören. Mit vielen Bäumen verbinden sich Hintergrundgeschichten, zumeist Stimmungsbilder. Sie spiegeln – genauso wie meine Bäume – einen Teil unseres Lebens, und das kann recht wechselhaft sein.
Nun wünsche ich mir, die Lektüre der Texte oder auch nur das Stöbern in den Bildern zur Advents- oder Weihnachtszeit werde Ihnen viel Freude bereiten.
Hausen, Dezember 2004
Hanne Pohl