Die beiden Tannenspitzen

Es war 1992 in der Weihnachtszeit. Eine Bekannte rief mich an. Ihre Freundin, die Frau des Försters, habe diesmal einen unglaublich schönen Weihnachtsbaum. Es sei eine Blautannenspitze voller Zapfen. Ob ich den nicht fotografieren wolle?

Als ich dann das Wohnzimmer der Familie betrat, traute ich meinen Augen kaum: Ein riesiger, zimmerhoher Baum mit weit ausladenden Ästen, was ihn fast ebenso breit wie hoch erschienen liess, füllte eine Ecke des grossen Raumes aus. Geschmückt hatte ihn die Hausherrin sparsam, mit Glaskugeln und Strohschmuck. Die Zapfen, so meinte sie, die seien doch eigentlich schon Zierde genug. Auf den starken Ästen der Blautanne hatte sie breite, rote Dekorationskerzen befestigt, was sehr festlich wirkte.

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Am selben Tag meldete sich eine Nachbarin. Sie und ihr Mann hätten in diesem Jahr einen ganz speziellen Weihnachtsbaum, der ihnen besonders gut gefalle. Es sei eine Tannenspitze mit echten Zapfen daran. Ob ich in einer halben Stunde da sein könne?

Kurze Zeit später stand ich vor der Haustüre der Nachbarn. Begeistert erzählte sie mir von der Rottannenspitze, die sie im Wald gefunden und von einem Spaziergang mit nach Hause gebracht hatten.

Erwartungsvoll trat ich ins Wohnzimmer. Ich blickte – immer in Augenhöhe – nach rechts und nach links; da war aber kein Tannenbaum weit und breit zu sehen. Ich senkte den Blick, und wirklich, da vor mir auf dem Boden, da stand er, kaum grösser als 70 cm. Eine Rottannenspitze mit einem Kranz von Zapfen, das Ganze geschmückt nur mit Kerzen und zwei „Vögeli“. Er sah rührend aus, der Kleine; wie wenig es doch eigentlich braucht.

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Seit Jahren hatte ich mir eine Tanne mit eigenen Zapfen für meine Sammlung gewünscht. Nun waren es gleich zwei am selben Tag, und verschiedener hätte sie gar nicht sein können.