Anfang Dezember 1987 besuchten mein Mann und ich eine Ausstellung im Zürcher Kunsthaus. Obwohl die Zeit drängte, nahmen wir den Rückweg zum Bahnhof doch zu Fuss, um die vorweihnachtliche Atmosphäre der Altstadt zu geniessen. Wir gingen durch eine Gasse, mein Mann etwas voraus, ich –der Einblicke in die Auslagen wegen – leicht hinterher. Er hielt kurz an und rief mir zu: „Hast du den Weihnachtsbaum links im Schaufenster gesehen? Den musst du dir unbedingt anschauen, er ist einmalig.“
Ich lief schnell die paar Schritte zurück und stand überrascht vor einem Baum, der reich und geschmackvoll mit Christbaumschmuck aus alter Zeit behängt war. Nie zuvor hatte ich etwas Ähnliches gesehen. Ich merkte mir das Logo und die Adresse des Geschäftes. „Den solltest Du in Deiner Sammlung festhalten“, meinte mein Mann. „Nein“ antwortete ich, „ich nehme nur private Bäume auf und keine, die in einem Schaufenster stehen.“. So jedenfalls hatte ich es von Anfang an geplant und auch gehandhabt.
Zuhause griff ich dann doch zu Telefonbuch und suchte die Telefonnummer. Es fiel mir nicht leicht, meine Schüchternheit zu überwinden und die angegebene Nummer zu wählen. Eine Frau meldete sich. Nachdem ich ihr von meinem Erlebnis am Vormittag berichtet hatte, erzählte ich ihr kurz von meiner Christbaum-Sammlung und meinem Wunsch, ihren so aussergewöhnlichen Weihnachtsbaum in diese aufzunehmen. Sie war keineswegs begeistert. Schon viele Kunden aus dem In- und Ausland hätten ihren Baum fotografiert. Einige würden sogar behaupten, sie kämen nur wegen dieses Baumes in der Adventszeit nach Zürich. Wenn es mir aber so wichtig sei, gut, dann solle ich morgen circa eine halbe Stunde vor Öffnung des Geschäftes, also um 10:30 da sein. Ich hätte dann diese halbe Stunde Zeit zum Fotografieren. Aber, sobald die erste Kundschaft käme, müsse ich alles wegpacken, denn bei ihr sei es sehr eng.
Am folgenden Tag empfing mich die Antiquitätenhändlerin kühl und distanziert. Ich dankte ihr für den Fototermin, musste sie aber gleich zu Beginn bitten, in dem sehr kleinen Raum ein paar Dinge umzustellen. Nur so konnte ich – trotz Weitwinkelobjektiv – den Baum in seiner ganzen Grösse erfassen.
Die Lichtverhältnisse waren keineswegs ideal, und so hoffte ich, dass mir wenigstens ein Foto von diesem Prachtbaum gelingen würde. Zu meiner grossen Erleichterung gelangen sogar einige. Die schönsten liess ich vergrössern, und vom besten Foto bestellte ich Poster 50 x 70 cm.

Mit der Antiquitätenhändlerin traf ich mich wieder im Januar 1988. Dabei übergab ich ihr als Dank einige Vergrösserungen und ein Poster ihres Baumes. Sie war begeistert und gerührt. Die Fotos gefielen ihr sehr; die kühle Distanz war verschwunden. Wir unterhielten uns lange, und dabei erfuhr ich, dass ihr Baum mit Stücken aus ihrer privaten Sammlung alten Christbaum-Dekors behängt war. Dieser Schmuck sei ihr kostbar und somit unverkäuflich.

Beim Dekorieren des Baumes habe ihr ein Freund geholfen. Der würde auch alten Christbaumschmuck sammeln und hätte wahrscheinlich den schönsten Weihnachtsbaum von Zürich. Seinen Namen dürfe sie nicht preisgeben; er wolle anonym bleiben. Er selbst würde sich „Herr J.“ nennen. Ob ich Interesse hätte, seine Bäume zu fotografieren, er habe jeweils deren zwei? Sie werde ihm sowieso diese wunderschönen Fotos und das Poster zeigen, und wenn er einverstanden sei, dass ich seine Bäume aufnähme, würde er sich im Laufe des Jahres bei mir melden. Das war im Januar 1988.