Über die Jahre gelang es mir nicht, ein Foto vom Weihnachtsbaum unserer Freunde zu erhalten. Zwar wohnen sie nur wenige Kilometer von uns entfernt, aber die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbringt ihre Familie jeweils im Ferienhaus in den Bergen.
1983 dann berichtete mir unser Freund voller Freude, er werde sich zu Weihnachten in diesem Jahr eine neue Foto-Ausrüstung schenken. „Fein“, meinte ich, die günstige Gelegenheit nutzend. „Dann mach mir doch bitte ein paar Fotos von Eurem Baum, damit ich endlich eine Vorstellung habe.“ Versprochen“ antwortete er. „Du kannst Dich darauf verlassen.“
Am Morgen des 24. Dezember läutete das Telefon. Es war unser Freund. In vielleicht gespielter Verzweiflung klagte er: „Sei mir bitte nicht böse, aber die versprochenen Fotos von unserem diesjährigen Baum kann ich Dir beim besten Willen nicht aufnehmen. Etwas so Unmögliches an Tanne hatten wir noch nie. Stell‘ dir vor, der Bauer aus dem Dorf im Tal, der uns jedes Jahr die Bäume hier heraufbringt, der hat diesmal zwei völlig magere und ungleichmässig gewachsene Exemplare abgeladen. Du kennst mich als anständigen Menschen, und so habe ich den weniger grässlichen von beiden meinem Bruder an sein Ferienhaus gestellt und den ganz und gar unansehnlichen für uns behalten. Jetzt steht dieses „Scheusslikon“ vor mir im Ständer, und ich frage mich, wie ich es schmücken soll. Bis etwa einen Meter ab Boden hat dieser Baum dichte Zweige. Dann folgt bis auf die Höhe von ca. zwei Metern nichts als der blanke Stamm. Dann kommt noch eine Art Quirl und darauf sitzt eine dünne, lange Spitze. Die habe ich bereits gekürzt.“

Er holte Atem und fuhr fort: „Wo soll ich denn bloss im mittleren Teil die Äpfel aufhängen und woran die Kerzen befestigen, wenn keine Äste vorhanden sind? Schlimmer noch, in zwei Stunden kommt meine Frau und die drei lieben, mit scharfen Zungen begabten Töchter. Kannst Du Dir den Spott vorstellen, der mich erwartet?“ Ich konnte es.
Entgegen der Absicht des Freundes hatte mich seine Schilderung restlos neugierig gemacht. Diesen Baum musste ich unbedingt haben, diese Unikat mit all seinen Mängeln durfte mir nicht entgehen. „Bitte, mach‘ mir ein paar Fotos von diesem offenbar ganz aussergewöhnlichen Exemplar. Du hast es mir versprochen.“ Auf nicht ganz faire Weise versuchte ich, ihn leicht zu erpressen. Zum Trost fügte ich noch hinzu: „Wenn sie gar zu schlimm ausfallen sollten, kann man sie ja immer noch wegwerfen.“
Wirklich, im neuen Jahr brachte mir unser Freund Fotos und Negative des besagten Baumes und übergab sie mir mit folgenden Worten: „Hier hast Du Deine Aufnahmen, aber nur, weil ich sie Dir so fest versprochen hatte. Sieh‘ sie Dir an und wirf sie dann möglichst bald weg. So jedenfalls sieht unser Weihnachtsbaum nicht aus, das ist eher eine Karikatur davon. Sie hässlich wie der war noch keiner und wird auch in Zukunft keiner mehr sein.“

Ich besitze die Fotos heute noch. Den „Hässlichen“ betrachte ich als Prachtstück meiner Sammlung, auf das ich nicht verzichten möchte. Später, im Laufe der Jahre, habe ich auch einige „normale“ Weihnachtsbäume der Freunde hinzubekommen. Um fair zu sein, zeige ich den „Hässlichen“ immer nur zusammen mit einer Tanne, die als würdige Vertreterin der Familie gilt.