Im Herbst des Jahres 1977 kamen meine Freundin und ihr Mann auf tragische Weise ums Leben. Zurück blieben drei Kinder im Alter von 14, 11 und 9 Jahren.
Innerhalb der Verwandtschaft war man bereit, das eine oder andere der Kinder aufzunehmen. Aber alle drei zusammen? Ausserdem lagen jeweils hunderte von Kilometern zwischen den Wohnorten der einzelnen Familien. War es da vielleicht besser, alle drei Kinder in ein Internat zu geben? Dann wären sie wenigstens beisammen.
Niemand hatte mit der 69-jährigen Grossmutter der Kinder gerechnet. Sie war im Frühjahr des gleichen Jahres Witwe geworden. Die Enkelkinder standen ihr sehr nahe und sie beschloss, alle drei bei sich aufzunehmen. „Wenn mir Gott noch zehn gesunde Jahre schenkt“, so sagte sie damals zu mir, „dann kann ich den Kindern ein Zuhause geben. Danach sind sie alt genug, sich auch ohne mich in dieser Welt zu Recht zu finden.“ Es gelang ihr, ihren Willen gegen den anfänglichen Widerstand des Vormundes durchzusetzen, der Bedenken hatte wegen des hohen Alters.
Dies war der Stand der Dinge, als ich den Kindern ein paar Tage vor Weihnachten 1977 eine grosse Blechdose mit Weihnachtsgebäck brachte, das ich mit unseren Kindern gebacken hatte. „Dürfen wir Tante Hanne den Weihnachtsbaum schon zeigen?“ so fragten sie die Grossmutter. „Natürlich“ antwortete diese und schloss die Tür zum Esszimmer auf. Dort stand ich diesem Weihnachtsbaum gegenüber. Ich entdeckte daran Schmuckstücke, die meine Freundin vor vielen Jahren – wir waren damals selbst noch Kinder – gebastelt hatte. Es berührte mich sehr.

„Gefällt er dir?“ fragten Kinder und Grossmutter und alle vier sahen mich erwartungsvoll an. Mir war seltsam zumute. „Er ist wunderschön“ antwortete ich. „Aber wie habt ihr das gemacht? Ich weiss doch, dass eure Grossmutter immer sehr grossen Wert legt auf ihren eigenen Weihnachtsbaum, und Eurer zuhause war doch sicher ganz anders geschmückt.“ „Ja“, meinte die Grossmutter,“ das haben wir uns ganz gut überlegt.“ Den Christbaumschmuck aus dem Elternhaus den haben sie behalten. Um nun diesen Baum zu schmücken, dazu hätten sie alle Schachteln, den Schmuck der Eltern und der Grosseltern vom Dachboden heruntergeholt und hier im Zimmer aufgestellt. Dann durfte der Reihe nach jeder sein Lieblingsstück an den Baum hängen, und das solange, bis alle fanden, nun sei’s genug. „Ist er nicht schön?“ fragten die Kinder mit strahlenden Augen.
Ich bat um die Erlaubnis, den Weihnachtsbaum fotografieren zu dürfen und holte meine kleine Rollei 35 aus der Handtasche. Und so entstand dieses Christbaumfoto.
Es klingt zwar wie im Märchen, aber die alte Dame erlebte ganz nach ihrem Wunsche und bei guter Gesundheit noch mehr als 10 weitere Jahre und sah in dieser Zeit mit stiller Freude, wie ihre drei Enkel selbständig wurden.