Eine Freundin vermittelte mir 1994 den Kontakt mit einer bekannten Künstlerin. Sie erzählte ihr von meiner Fotosammlung privater Weihnachtsbäume und der Künstlerin gefiel diese Idee so gut, dass sie mir ausrichten liess, wenn ich Lust hätte, dann dürfe ich ihren Christbaum in die Sammlung eingliedern.
Ich war begeistert. Seit Jahren kannte ich ihre Bilder aus Ausstellungen, wobei mich jeweils ihre Blumenaquarelle besonders berührten. Sie waren sehr farbig und doch zart und sensibel gemalt und grosszügig in der Komposition. Mir schien die Künstlerin nicht nur ausserordentlich begabt, sondern genial zu sein. Auch ihre Clownbilder wirkten sehr originell fröhlich. Wie würde der Weihnachtsbaum einer so phantasievollen Künstlerin wohl aussehen?
Der Fototermin im Dezember 1994 wurde zu einem Erlebnis, das mich noch lange beschäftigte. Wir empfanden eine spontane Sympathie füreinander. Beide waren etwa gleich alt und in Deutschland aufgewachsen. Seit Jahrzehnten lebten wir nun in der Schweiz, die uns zur Heimat geworden war. Es verbanden uns ähnliche Interessen: Beide liebten das Schöne, das uns umgab und versuchten, jede auf ihre Weise, dies festzuhalten. Stolz zeigte mir die Künstlerin ihren Weihnachtsbaum. Ich war überrascht. Er war sehr schön, sehr edel und einfach perfekt. Konnte das wirklich der Weihnachtsbaum dieser phantasievollen, grosszügigen und genialen Künstlerin sein? Ich versuchte, ihn naturgetreu im Foto festzuhalten und es gelang.

Danach führte mich die Künstlerin durch ihr wunderschönes und sehr wohnliches Haus. Die Wände waren mit vielen ihren Aquarellen geschmückt, die eine heitere Atmosphäre schufen. Wir unterhielten uns angeregt und sehr privat. Ich fragte mich, wie sie mit all ihren Sorgen und Problemen so fröhliche Bilder malen könne. Es schien mir, als seien die in einer glücklicheren Zeit entstanden.
Im August 1996 starb die Künstlerin nach längere schwerer Krankheit. In ihre Todesanzeige stand: “ Sie wird in unsere Herzen und in ihren Bildern weiter leben.“