De Allerschönscht

Den durfte ich bei Bekannten 1985 aufnehmen. Die drei Kinder hatten ihn geschmückt, da beide Eltern berufstätig waren.

Die Familie bewohnte ein altes, weiträumiges Bauernhaus, das modernen Ansprüchen angepasst worden war, ohne aber auf die Behaglichkeit der alten Kachelöfen zu verzichten. Der Dachstock war zu einem grossen, gemütlichen Wohnraum ausgebaut, in dem auch Spinnrad und Webstuhl der Hausfrau Platz fanden. Dort stand auch der Weihnachtsbaum.

Monate später dann zeigte ich der Familie das Foto ihres Baumes im gerahmten Poster-Format 50 x 70 cm, und das mitten unter anderen Exemplaren der Sammlung. Dabei umgaben ihn, den kleinen, bescheidenen auch solche, die grösser, harmonischer gewachsen und vor allem weit üppiger, mit Prachtentfaltung dekoriert waren. Gold und Silber und alle Farben gab es da zu sehen.

Was würde der Jüngste der Familie, gerade siebenjährig, wohl sagen, wenn er mitten in Glanz und Prunk ihren eigenen Baum entdecken würde. Wäre er womöglich enttäuscht?

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Unter den 50 gerahmten Fotos, die da aufgestellt waren, erkannte er den eigenen Baum auf Anhieb, lief zu ihm hin und schaute ihn lange an. Dann drehte er sich strahlend zu seiner Mutter um und verkündete mit Stolz: „Lueg Mami, euse isch de Allerschönscht!“