Der Erinnerungsbaum

Eines Tages machte mich mein Mann auf eine Notiz in unserer Tageszeitung aufmerksam, die mit folgendem Satz begann: “ An der Promotionsfeier der Universität St. Gallen wurden fünf Aargauerinnen und Aargauer mit dem Doktorat und weitere 25 Studierende aus dem Aargau für den erfolgreichen Studienabschluss mit Diplom ausgezeichnet.“ Und weiter im Text war zu lesen: “ Zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften promovierten …“ Hier folgten fünf Namen. Einen davon kannte ich.

Da ich das Schicksal von ihm kannte, wusste ich auch, welch ungeheure Leistung sich hinter dieser kurzen, nüchternen Zeitungsnotiz verbarg. Bis zum Erreichen dieses Zieles hatte er vielmehr zu überwinden als nur die normalen Schwierigkeiten eines anspruchsvollen Studiums.

Wir kannten ihn als einen sympathischen und sportlichen Jungen. Er lernte leicht und durchlief die Schule mühelos. Das Leben schien es gut mit ihm zu meinen — bis zu jenem Töffunfall, der sein Leben schlagartig und dramatisch veränderte. Er überlebte den Unfall, war aber von da an schwer beeinträchtigt: Er war blind, konnte sich schlecht artikulieren und seine Bewegungen nicht mehr koordinieren. Er war auf den Rollstuhl angewiesen. Geblieben waren ihm sein klarer Verstand und ein eiserner Wille. In dieser verzweifelten Lage entschied er sich, nicht aufzugeben. Seine Eltern, speziell seine Mutter, unterstützen ihn dabei in bewundernswerter Weise.

Nach fünf Jahren der Rehabilitation, die ihm wieder eine teilweise Selbständigkeit ermöglichten, holte er die Matura nach und begann anschliessend das Studium der Wirtschaftswissenschaften, das er sechs Jahre später mit Erfolg abschloss. Viele Menschen standen ihm in dieser Zeit selbstlos bei.

Von seinem weiteren Lebensweg erfuhr ich an jenem Morgen im April aus der anfangs erwähnten Zeitungsnotiz.

Als ich 1990 bei seinen Eltern den Weihnachtsbaum fotografierte, fragte ich seine Mutter, ob sie ihrem Sohn jedesmal beschreiben würde, wie der Baum diesmal geschmückt sei. „Nein“ antwortete sie mir. Seit seinem Unfall versuche sie, den Baum jedes Jahr so zu schmücken, wie er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er erinnere sich sehr gut daran.

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